Veröffentlicht am: Do, 08. Februar, 2018

Ria Percival – Eine Weltenbummlerin macht Halt in Basel

Eine Newsmeldung präsentiert von:

Mit 14 Jahren wandert die Engländerin Ria Percival mit ihrer Familie nach Neuseeland aus. Bald darauf wird sie eingebürgert, mittlerweile ist sie 120-fache Nationalspielerin und hat als Fussballerin die Welt bereist. Seit letzter Saison spielt sie bei den FC Basel Frauen. Ein Portrait in Zusammenarbeit mit dem Magazin “Rotblau”.

Ria Percival mag das Abenteuer, aber keine Achterbahnen. Bei ihrem Besuch auf der Basler Herbstmesse bleibt sie deshalb lieber mit den Füssen am Boden, geniesst statt einem Adrenalinkick lieber die verschiedenen Süssigkeiten. Die 28-Jährige hat sich in Basel gut eingelebt, die Stadt gefällt ihr: „Einzig das Schwimmen im Rhein hat leider noch nicht geklappt. Ich hoffe, dass ich es mit meinen Teamkolleginnen im nächsten Sommer nachholen kann.“

Auf dem Boden bleiben. Mit beiden Beinen im Leben stehen. Das passt zur zierlichen Fussballerin. Ria Percival ist eine Weltenbummlerin, die in ihrer Karriere schon weit herumgekommen ist. Bevor sie nach Basel kam, hatte sie in fünf verschiedenen Ländern gespielt: England, Neuseeland, Amerika, Kanada und Deutschland. Die Schweiz ist ihre sechste Station. Die Familie ist weit weg, Kontakt hat sie während der Saison nur per Telefon. Einzig in den Weihnachtsferien reicht die Zeit, um zurück nach Neuseeland zu fliegen.

Ria Percival, wie feierten Sie Weihnachten?
Wie die vergangenen Jahre auch, flog ich zu meiner Familie nach Neuseeland . Ich freute mich sehr darauf, sie zu sehen. Aber in weihnächtliche Stimmung kam ich da nicht. Für das ist es viel zu schönes Wetter. Daran werde ich mich nie gewöhnen. Als Kind in England habe ich das ganz anders erlebt. Da war es kalt, es lag Schnee und wir feierten ganz traditionell.

Drei Wochen war sie in Neuseeland, Sonne und Energie tanken für die Rückrunde mit den FCB-Frauen. In dieser Zeit spielte der Fussball für einmal eine untergeordnete Rolle. Ansonsten beherrscht das runde Leder ihr Leben. Schon als Kind war Ria Percival verrückt nach Fussball und schaute sich die Premier League am Fernsehen an.

Wie kamen Sie zum Fussball?
Als Kind war ich sehr polysportiv und habe viele Sportarten ausprobiert. Mit elf Jahren musste ich mich zwischen Landhockey und Fussball entscheiden. Die Affinität dazu kam von meinen Eltern. Meine Mutter spielte Landhockey, mein Vater Fussball. Mit elf Jahren entdeckten mich die Coaches von Colchester United bei einem Trainingscamp und danach trat ich dem Club bei.

Drei Jahre später folgte der Umzug von England nach Neuseeland. Auswandern, ans andere Ende der Welt. Für Ria Percival ein einschneidender Moment. Weg von der Heimat, weg von Freunden. In ein Land mit offeneren Menschen und einem entspannten Lebensstil, wie es Percival selbst beschreibt. Rückblickend sei es das Beste gewesen, was die Familie habe tun können, findet sie. Fünf Jahre spielte sie als Amateurin in der höchsten Liga, wurde dort vom Nationalcoach entdeckt und bekam die Chance, Nationalspielerin und Fussballprofi zu werden. Und bekam somit auch die Gelegenheit, die Welt zu bereisen.

Die Neuseeländerin hat sich in Basel bestens eingelebt (Archivbild: Gerd Gruendl)

Wie genau wurden Sie als Engländerin Nationalspielerin in Neuseeland?
Nach der Ankunft habe ich zuerst im Club bei den Jungs mitgespielt. Dort war ich aber bald unterfordert. Deshalb kam ich in das Frauenteam, wo die Gegnerinnen über zehn Jahre älter waren. Das war krass, half aber meiner Karriere, weil ich als Spielerin schneller gereift bin. Dank guten Leistungen wurde ich für das Nationalteam entdeckt. Da 2006 die U20-Weltmeisterschaft in Russland bevorstand, verlief der Einbürgerungsprozess schneller als sonst üblich.

Die U20-WM war für die damals 16-Jährige ihr erstes internationales Turnier. Aber nicht das letzte. Seither bestritt sie drei Weltmeisterschaften (2007 in China, 2011 in Deutschland, 2015 in Kanada) und nahm an drei Olympischen Sommerspielen (2008 in China, 2012 in London, 2016 in Rio de Janeiro) teil. Zudem steht sie kurz davor, Neuseelands Rekordnationalspielerin zu werden – zehn Einsätze fehlen ihr noch bis zu Abby Ercegs Rekord von 130 Partien.

An welches Länderspiel erinnern Sie sich besonders?
An das erste Spiel an den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Das werde ich nie mehr vergessen. Wir bestritten gegen Gastgeber China das Eröffnungsspiel. Es war eine grosse Herausforderung und es ist nicht einfach, die Gefühle von damals zu erklären und wie sich die Atmosphäre angefühlt hat. Es waren 60000 Zuschauer im Stadion, alle haben geschrien, es war sehr laut. Ich erinnere mich an das Einlaufen ins Stadion. Ich dachte: ‚This is it. Dafür spielst du Fussball.’ Dieses Turnier bleibt mir auch sonst in Erinnerung, weil das ganze Drumherum speziell war. Die andere Kultur, das Essen, der Smog und der Schmutz in der Stadt. Das waren viele bewegende Eindrücke auf einmal.

Die Weltmeisterschaft 2007, die auch in China stattfand, markierte für Ria Percival einen weiteren einschneidenden Moment in ihrer Karriere. Wieder zurück in Neuseeland bekam sie einen Anruf vom Coach des FC Indiana aus Indianapolis, der an der WM auf sie aufmerksam wurde. Es folgte eine weitere Entscheidung für den Fussball. Denn Ria Percival sagt von sich selbst, sie habe in der Schule nie wirklich brilliert. Auch, weil sie durch den Fussball jedes Jahr rund drei Monate verpasst hatte. So entschied sie sich gegen das Studium und verliess mit 19 Jahren die Familie in Neuseeland, um Halbprofi in Amerika zu werden.

Nach vier Jahren in Neuseeland war sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf sich alleine gestellt. Bei ihrer verspäteten Ankunft am Flughafen holte sie ihr Trainer ab. Es tobte ein so heftiger Schneesturm, dass sie nicht weiterreisen konnten. Die Fahrt am anderen Tag war beschwerlich, Ria Percival erschöpft von der Reise und den Eindrücken.

Kamen in diesem Moment Zweifel auf, ob Sie sich richtig entschieden hatten?
Nein, Zweifel hatte ich keine. Ich vermisste meine Familie, realisierte aber gleichzeitig: ‚Jetzt werde ich Fussballprofi’. Die Zeit in den USA war der Beginn meines eigenen Weges und ein erster Schritt in die Selbständigkeit.

Nach einer Saison in Indianapolis kehrte Ria Percival für ein Jahr zurück nach Neuseeland, ehe sie von 2009 bis 2011 in Ottawa spielte. Kanadas Hauptstadt bezeichnet sie von all ihren Destinationen als ihre Lieblingsstadt. Sie mochte das Stadtleben, besuchte Konzerte und hatte eine gute Zeit mit ihren Teamkolleginnen.

In dieser Zeit qualifizierte sich die Verteidigerin mit der Nationalmannschaft für die WM 2011 in Deutschland. Und wieder gab es dieses eine Spiel, das ihre Karriere in neue Bahnen lenkte. Bei der Partie gegen Japan sass der Trainer vom 1. FFC Frankfurt auf der Tribüne und war so begeistert von Percivals Auftritt, dass er sie direkt nach dem Turnier ins Trainingslager einlud. Percival überzeugte, bekam einen Vertrag und war am Ziel ihrer Träume: Sie war Fussballprofi und spielte in der Bundesliga.

Von der Bundesliga in die Nationalliga A: Ria Percival (r, Archivbild: Peter Ganser)

Nach nur einem Jahr bei Frankfurt wechselten Sie zum USV Jena – warum?
Die Zeit in Frankfurt war sehr intensiv. Ich hatte Mitspielerinnen, die ich als Kind bewundert hatte. Die Zeit auf dem Platz war grossartig und wir waren erfolgreich. Ich strebe danach, immer besser zu werden und mich Herausforderungen zu stellen. All das konnte ich in Frankfurt fussballerisch ausleben. Auch wenn wir den Champions-League-Final 2012 verloren haben, ist es für mich bis heute eines der besten Erlebnisse. Aber ich fand meine Rolle innerhalb des Teams nicht. Ich genoss den Fussball, aber das Leben in Frankfurt behagte mir nicht. Nach dem Training gingen die Mitspielerinnen nach Hause, wir tauschten uns untereinander kaum aus. Das war schwierig und deshalb war ich froh über den Wechsel nach Jena.

Sportlich waren die Ambitionen im Osten Deutschlands weit weniger hoch als in Frankfurt. Doch Ria Percival blühte wieder auf, auch neben dem Platz. Mit einem Lachen im Gesicht erzählt sie von ihrer Zeit in Jena, dass das Team wie eine kleine Familie gewesen sei, wie schön die Stadt war. Nach vier Jahren und insgesamt fünf Saisons in der Bundesliga entschied sie sich im Sommer 2016 für den Wechsel zum FC Basel.

Die erste Zeit war jedoch schwierig: Percival kam im August direkt nach den Olympischen Spielen nach Basel, war motiviert und wollte den Schwung in die Meisterschaft mit ihrem neuen Club nehmen. Doch ihr erster Einsatz im rot-blauen Trikot dauerte nicht einmal eine halbe Stunde: Bei einem rüden Foul einer Gegnerin des FC Neunkirch brach sich Percival das Sprunggelenk. Zur Erinnerung daran trägt sie immer noch eine Platte mit fünf Schrauben im Fuss. Sechs Monate Ausfall und kein Fussball. Dafür hatte sie mehr Zeit für ihr Sportstudium, das sie mittels Fern-Uni in Neuseeland absolviert. Für Ria Percival, die nebst den sechs Trainings für sich gerne ein paar Extra-Schichten einlegt, eine harte Zeit. Im Januar 2017 stand sie wieder auf dem Platz, mit vollem Einsatz und ihrem unbändigen Willen. Es gibt Leute, die bezeichnen sie als „Granit Xhaka der FCB-Frauen“, weil sie wie ihr Clubkollege bissig, angriffig und kämpferisch ist und niemals aufgibt.

Wie würden Sie ihre Rolle beim FC Basel beschreiben?
In dieser Saison habe ich mehr Verantwortung und mehr Kontrolle im Spiel, was letztes Jahr wegen der Verletzung gar nicht möglich war. Ich bin gerne eine Leaderin und kann auf meiner neuen Position im defensiven Mittelfeld Einfluss aufs Spiel nehmen und auch den jüngeren Mitspielerinnen helfen. Mit 28 bin ich zwar immer noch jung, aber im Team eine der Ältesten. Neben dem Platz ist es ähnlich wie in Jena, wir sind wie eine kleine Familie, das gefällt mir.


Holen Sie sich die App des Frauenfussball-Magazins und bleiben Sie immer bestens informiert:

Dein Kommentar

XHTML: Du kannst diese html tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Log in here!