Veröffentlicht am: Mi, 15. Feb 2017

FIFA stellt Tatjana Haenni frei

Eine Newsmeldung präsentiert von:

Nach 18 Jahren wurde die Direktorin für Frauenfussball und Präsidentin des FC Zürich Frauen von der FIFA entlassen und gleich freigestellt. Die Stellungnahme der FIFA fällt dazu etwas zu lapidar aus.

Tatjana Haenni ist nicht nur im Frauenfussball in der Schweiz ein Begriff. Das Gründungsmitglied des FFC Zürich Seebach ist nicht nur Präsidentin des Nachfolgevereins FC Zürich Frauen und hat damit einen grossen Anteil an der Professionalisierung des Sports im letzten Jahrzehnt in der Schweiz, sie war weltweit auch das Gesicht des Frauenfussballs. Zunächst als Verantwortliche für die Frauenfussballturniere, war sie danach als Direktorin für Frauenfussball massgeblich an der internationalen Entwicklung des Frauenfussballs rund um den Globus verantwortlich. Die ehemalige Nationalspielerin konnte ihre Leidenschaft zum Beruf machen und bei der FIFA viel für die Akzeptanz des Sports erreichen.

Ein Bild aus besseren Zeiten: Haenni 2014 in einer Gesprächsrunde beim Verband Concacaf (Bild: zvg)

Die Abteilung wird neu strukturiert

Als auf der Ebene der Exekutive der FIFA mit Sarai Baremann eine weitere Frau nominiert wurde, war die Hoffnung berechtigt, dass dieses Duo dem Frauenfussball einen weiteren Schub verleihen würde. Gerade diese Nomination kostete am Ende Tatjana Haenni aber den Job. Zumindest, wenn man der entsprechenden Stellungnahme der FIFA Glauben schenkt: „Im November vergangenen Jahres wurde Sarai Bareman zum Chief Women Football Officer ernannt. Sie leitet die neu geschaffene Frauenfussball-Division und berichtet direkt an den FIFA-Stellvertretenden Generalsekretär Zvonimir Boban sowie an das FIFA-Management. Die neue Abteilung wird derzeit neu strukturiert und organisiert (auch personell). Dies steht direkt mit der Gesamtstrategie für die Frauenfussballentwicklung in Verbindung.“ Eine dürftige Aussage, die auch nicht weiter kommentiert wurde und mit keinem Wort die unbestrittenen Leistungen der Schweizerin würdigt.

Auch im Schweizer Frauenfussball konnte Haenni viel bewegen: Hier mit Ancillo Canepa anlässlich der Meisterfeier 2009 (Archivbild: Chris Blattmann)

Das “System Infantino”

Vielmehr passt dies ins Bild, welches die FIFA seit der Übernahme der Präsidentschaft durch Gianni Infantino abgibt. „Die Drehtüre der FIFA ist überfüllt mit Angestellten, bei denen man nicht weiss, ob sie rein- oder rausgehen“, nannte es Paul Nicholson in seinem vielbeachteten Artikel auf insideworldfootball.com im Januar. Bemerkenswert sei das Tempo, mit dem Infantino eine Vielzahl von Mitgliedern des Topmanagements durch eigene Leute ersetze, so der FIFA-Spezialist weiter. Diese Entwicklung hat nun auch den Frauenfussball erreicht und damit eine der profiliertesten Förderinnen, sowohl national, wie auch international. Die Jobsicherheit und damit die Energie, etwas im Weltfussball zu bewegen, sei einer grossen Angst gewichen, stellte Nicholson fest. Die Liste der ersetzten oder freigestellten Personen ist lang. Für Haenni ist dies allerdings ein schwacher Trost: „Ende Januar hat mich die FIFA entlassen, den Arbeitsvertrag beendet und mich per sofort freigestellt. Ich blicke auf 18 interessante, motivierende, faszinierende Jahre im internationalen Frauenfussball zurück. Meine Arbeit und meine Tätigkeiten habe ich mit vollem Engagement, Überzeugung für die Sache und mit viel Leidenschaft ausgeübt.“ Ihr Engagement verschaffte ihr grossen Respekt und damit einen grossen Einfluss, den sie nicht zu ihrem eigenen Vorteil, sondern zu Gunsten des Frauenfussball einzusetzen wusste. Der Sport verliert damit eine grosse Stütze. Entsprechend sind auch ihre Wünsche für den Frauenfussball, sowohl auf Vereins-, wie auch auf Verbandsebene: „Für die Zukunft wünsche ich mir, dass alle Sportorganisationen sich um die Förderung des Frauensports und der Vertretung von Frauen in den Entscheidungsgremien bemühen und adäquate Ressourcen zur Verfügung stellen“, so Haenni gegenüber dem Frauenfussball-Magazin.

Nicht nur die Augen des Männerfussballs richten sich damit noch mehr auf die weiteren Vorkommnisse im grössten Sportverband der Welt. Auch diejenigen, welche sich bisher lediglich für den Frauenfussball interessiert hatten, werden in Zukunft noch genauer hinsehen, was beim Zoo in Zürich vorgeht, denn das „System Infantino“ driftet damit noch stärker in genau jene Richtung, welche der Fussball nach der Ära Blatter abgeschlossen zu haben gehofft hatte.

Sulamith Bertschi, Pieragostino Cristina, Carone Gianluca, Roger Kutter gefällt dieser Artikel

Holen Sie sich die App des Frauenfussball-Magazins und bleiben Sie immer bestens informiert:
2 Kommentare
  1. Heller sagt:

    “System Infantino” und somit er selbst kann man einer Diktatur bzw. einem Diktator gleichsetzen. Ich sehe da keinen Unterschied zwischen Erdogan, Putin und Trump. Einfach nur beschämend und noch viel tragischer ist, man überlässt ihnen das Feld. Eine Willkür-Herrschaff ob das Früchte tragen wird bezweifle ich und wenn sind sie schnell faul.

  2. Tatjana Haenni stand viele Jahre in der FIFA für grosse Professionalität, Kompetenz und Engagement im Frauenfussball. Statt sie für ihre historischen Verdienste zu würdigen, sagte die FIFA-Generalsekretärin Fatma Samoura gestern in der Rundschau-Sendung: “Sie hat nicht reingepasst, deshalb musste sie gehen.” Da fragt sich, über welche Eigenschaften und Fähigkeiten man in der FIFA verfügen muss, um ins “System Infantino” mit seiner ausführenden Hand Samoura zu passen. Das sind keine guten Nachrichten für die Sportwelt.

Kommentiere diesen Beitrag

XHTML: Sie können diese html tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Log in here!