Veröffentlicht am: Mi, 23. November, 2016

Die Odyssee der Jennifer Oehrli neigt sich dem Ende zu

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Jennifer Oehrli steht wieder zwischen den Pfosten, ist glücklich und zufrieden. Das war nicht immer so. Nach einem komplizierten Armbruch im Frühling 2013 bescheinigten ihr die Ärzte, dass sie nie wieder wird Spitzensport betreiben können. Doch die heute 27-Jährige gab nie auf und kämpfte sich zurück auf den Platz. Ein Porträt in Zusammenarbeit mit dem Rotweiss-Magazin.

Jennifer Oehrli im Tor der YB-Frauen im August 2015. (Archivbild: Seraina Degen).

Jennifer Oehrli im Tor der YB-Frauen im August 2015. (Archivbild: Seraina Degen).

 

Eine Odyssee ist eine lange, mit vielen Schwierigkeiten verbundene, abenteuerliche Reise. So steht es im Duden. In erster Linie kommt einem zu diesem Wort das gleichnamige Epos des griechischen Dichters Homer in den Sinn. Angewandt auf den Schweizer Frauenfussball prägt Jennifer Oehrli diesen Begriff wie keine andere. Die Torhüterin der Young Boys hat nach einer Unterarm-Fraktur fast zwei Jahre lang dafür gekämpft, wieder auf dem Platz zu stehen.

Es war beim Zypern-Cup 2013, als sich Jennifer Oehrli beim Länderspiel mit der Nationalmannschaft gegen Neuseeland den linken Arm gebrochen hatte. Es war der Beginn der Odyssee. Dreimal musste sie sich einer Operation unterziehen, weil die Speiche nicht wunschgemäss zusammengewachsen war und sich zudem einmal die eingesetzte Titan- und das zweite Mal die Stahlplatte verbogen hatte. An einen normalen Alltag war nicht zu denken: „Ich durfte nicht einmal die Türfalle runterdrücken. Und versuchen Sie einmal, mit einer Hand eine Flasche zu öffnen.“

Keine Lust auf die Invalidenversicherung

So verzweifelt sie manchmal war, so stark die Schmerzen auch waren – Jennifer Oehrli hat immer daran geglaubt, auf den Platz zurückzukehren. Auch dann, als ihr die Ärzte bescheinigten, dass sie nie wieder wird Leistungssport betreiben können. Das Formular, um sich bei der Invalidenversicherung anzumelden, wies sie vehement zurück. Sie hatte ein Ziel, die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Kanada. Sie hat es erreicht: „Ich wusste, es kommt gut. Ich wollte es mir und allen anderen beweisen. Für mich ist es ein Triumph über den Körper und mich selbst, basierend auf viel Willenskraft und positiver Einstellung.“ Ihre Geschichte berührte und sorgte für Aufsehen, die 27-Jährige hatte gar zwei Auftritte im Schweizer Fernsehen: Im Frühling bei „Gesundheit heute“, Ende September bei Kurt Aeschbacher in seiner Talksendung. „Ich war vor der Sendung definitiv nervöser als vor einem Fussballspiel“, sagt sie und lacht.

Erinnerungsbild vor der Skyline vor Vancouver an der WM in Kanada: Jennifer Oehrli (2. v. r.) zusammen mit Vanessa Bernauer, Martina Moser, Ana-Maria Crnogorcevic und Fabienne Humm (v.l.n.r.). (Archivbild: S. Degen)

Erinnerungsbild vor der Skyline vor Vancouver an der WM in Kanada: Jennifer Oehrli (2. v. r.) zusammen mit Vanessa Bernauer, Martina Moser, Ana-Maria Crnogorcevic und Fabienne Humm (v.l.n.r.). (Archivbild: S. Degen)

 

Das Thema bei Aeschbacher: Stehaufmännchen. Auch dieser Begriff passt zu Jennifer Oehrli und ihrer Geschichte. Sie gab nie auf und hat sich zurückgekämpft, gab im Januar 2015 bei den Berner Young Boys das Comeback. Anfangs dieser Saison verletzte sie sich allerdings erneut, zog sich einen Sehnen-Teilabriss im rechten Fuss zu. Sechs Wochen Pause. „Ich kann nun besser mit der Verletzung umgehen, da ich seit der Geschichte mit dem Arm persönlich viel gelernt habe“, so Oehrli. Früher, da verlangte sie zu viel von sich, hatte Angst vor dem Leistungsdruck, war eine Perfektionistin und wollte zu viel unter einen Hut bringen. Der Fussball, der Job, Familie – Jennifer Oehrli erzählt von langen Tagen und auch, dass sie so selbstlos war und ihren Freunden das letzte Hemd gegeben hätte. „Und als ich verletzt war, wer war da bei mir?“, fragt sie fast ein bisschen ironisch. Sie fühlte sich irgendwie ausgenützt. Zu Beginn sei diese Erkenntnis krass gewesen, aber sie hat daraus gelernt. Für ihr Leben sei diese Verletzung eine Prüfung, eine Reinigung, eine wertvolle Erfahrung gewesen, sagt sie rückblickend.

Die Verbissenheit ist bei Jennifer Oehrli der Freude gewichen. Die Angst vor dem Versagen ist wie weggeblasen. „Der Sport hat mir so viel gegeben. Er war in schwierigen Stunden in der Kindheit mein Rückzugsort, wo ich alles vergessen konnte. Mit sieben Jahren begann ich mit Fussball spielen, damals war ich unbekümmert und hatte einfach nur Spass am Spiel. Heute ist es endlich wieder so, ich stehe auf dem Platz und strahle. Diese Freude versuche ich, meinen Teamkolleginnen zu weiterzugeben.“

Will wieder zurück ins Nationalteam: Jennifer Oehrli (rechts) in einem Länderspiel gegen Deutschlands Fatmire Bajramaj (Archivbild: Peter Ganser)

Will wieder zurück ins Nationalteam: Jennifer Oehrli (rechts) in einem Länderspiel gegen Deutschlands Fatmire Bajramaj (Archivbild: Peter Ganser)

Auch neben dem Platz ist die Torhüterin gefordert. Seit September arbeitet sie beim Schweizerischen Fussballverband in der Nachwuchsförderung. Vor allem aber konzentriert sie sich auf ihr Studium, das sie in dreieinhalb Jahren als Prävenzanologin abschliessen möchte. Dieser Name ist eher unbekannt, Jennifer Oehrli klärt auf: „Es ist ein ganzheitliches Studium mit Modulen in Ernährung, Naturheilkunde, Mentaltraining oder Stressmanagement. Zudem werde ich als Fitness-Instruktorin und Berufs-Masseurin ausgebildet.“

Was den Fussball angeht, da hat die gebürtige Langnauerin gelernt, nicht zu weit voraus zu planen. Bei YB hat sie einen Vertrag bis nächsten Sommer, was dann kommt, ist offen. „Das bringt nur Stress und Druck. Aber klar, mein Ziel ist es, wieder ins Nationalteam zurückzukehren und an der Europameisterschaft dabei zu sein. Und zwar als Torhüterin, nicht als Masseurin“, sagt sie und lacht herzhaft.

Die Odyssee von Jennifer Oehrli ist zu Ende, sie ist in Bern angekommen – ihre Karriere ist jedoch noch nicht fertig. Sie hofft, ihr noch einige erfolgreiche Kapitel hinzuzufügen. Wie beim Epos von Homer hat sie den Schwierigkeiten getrotzt, sie hinter sich gelassen und steuert dereinst auf ein glückliches Ende hin.

Beat Linder, Michelle Heule, Fabienne Oertle, Francesca Calò, Saskia Sperisen, Audrey Š. Corminboeuf, Beat Steiner gefällt dieser Artikel

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