Veröffentlicht am: Do, 10. November, 2011

Der ‚FC Goitschel’ und die ersten „Pfeifendamen“

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(mm) Die beiden Schwestern Monika und Silvia Stahel aus Murgenthal sind nicht nur als Gründerinnen des ersten Frauenfussball-Teams der Schweiz in die Geschichte eingegangen, sondern auch als erste Schiedsrichterinnen auf helvetischem Rasen. Das Wirken dieser zwei beeindruckenden Pionierinnen geht ins Jahr 1963 zurück.

Französische Inspiration

Die beiden Mädchen stammten ursprünglich aus Schaffhausen, aber weil der Vater in Murgenthal eine Tankstelle übernehmen konnte, zog die Familie Stahel in den Kanton Aargau. Anfangs traten die Schwestern das runde Leder nur so zum Spass, doch schon bald wurde das Training systematisch und strukturiert. 1963 gründeten die Fussballerinnen ihren ‚FC Goitschel‘ und ehrten damit ihre französischen Idole. Die beiden Skirennfahrerinnen Marielle und Christine Goitschel – ebenfalls Schwestern ‑ reihten im alpinen Skizirkus Erfolge an Erfolge. Und da sie abseits der Pisten auch leidenschaftlich Fussball spielten, konnten sie sich der Bewunderung der Geschwister Stahel sicher sein. Silvia und Monika teilten ihren Vorbildern in einem Brief mit, dass sie einen Fussballklub mit ihrem Namen gegründet hätten. Umgehend antworteten die französischen Skistars erfreut mit einer signierten Autogrammkarte und beglückwünschten den ‚FC Goitschel‘.

Infrastruktur und erste Spielpraxis

Da es in Murgenthal weder eine Männermannschaft noch einen Fussballplatz gab, absolvierten die Mädchen auch einige Trainings in Rothrist oder Langenthal; und zwar bei jeder Witterung. In Murgenthal selbst war es schwierig einen geeigneten Platz zu bekommen. Ein Lehrer aus dem Dorf setzte sich jedoch für die Mädchen ein und ermöglichte durch Übernahme der offiziellen Verantwortung eine Platzbenützung. Monika Stahel hatte sich in die theoretische Welt des Fussballs eingelesen und trainierte ihre sieben Mitspielerinnen jeden Donnerstag.

Die fussballbegeisterten Mädchen finanzierten ihren Klub selbst. Passivmitglieder zahlten jedoch pro Goal zwanzig Rappen in die Kasse, was sich an besonders torreichen Sonntagnachmittagen auszahlte. Die Seriosität, mit der die jungen Frauen ihrem Hobby frönten, drückte sich im Sommer 1965 auch in der Trikot-Anschaffung aus: Rotes Leibchen mit weissen Hosen und Stulpen.

Frauenspiel mit 11 gegen 11

Ein Journalist des ‚Brückenbauers‘ besuchte 1966 die jungen Kickerinnen und schrieb: „In ihrem Trainingsanzügen und Fussballschuhen sehen sie aus wie Jünglinge, ihre kurzgeschorenen Köpfe, ihre eckigen Bewegungen, ihr harter Handschlag… Sie fühlen sich nicht wohl in Röcken, sie bevorzugen lange Hosen. Wenn nicht die Berufsarbeit bestimmend wäre, so würden sie wohl nie Röcke tragen.“

Im Frühjahr 1967 titelte der ‚Wohlener Anzeiger‘: „Es ist also kein Aprilscherz!“. Diese Überschrift bezog sich auf den Sonntagvormittag, an welchem auf dem Sportplatz Wohlen bei trockener Witterung die erste Fussballpartie mit elf gegen elf Spielerinnen ausgetragen werden sollte. Bisher waren sich an Grümpelturnieren immer je sechs Fussballerinnen gegenüber gestanden. Diese Premiere fand zwischen dem ‚FC Goitschel‘ und einem kombinierten Team aus Wohlen und Zürich statt. Dabei siegten die Murgenthalerinnen klar. In der Folge bestritten die erfolgreichen Fussballerinnen weitere Grümpelturniere, die sie insgesamt mit einer Torausbeute von 53:1 gewannen. Die Frauenequipe mit Monika Stahel als rechte Flügelstürmerin und Schwester Silvia zwischen den Torpfosten bekam immer mehr Routine und fand kaum mehr echte Gegnerinnen. Monika hielt auch immer wieder nach neuen Talenten Ausschau, was von der Konkurrenz nicht besonders goutiert wurde.

Das nun aus allen Kantonsecken zusammen gewürfelte Team fragte 1968 beim FC Aarau offiziell um Mitgliedschaft an. Das Gesuch wurde erstaunlicherweise genehmigt. Somit standen sich als Vorspiel der Männerpartie zwischen Aarau und Baden am 19. Oktober 1968 der DFC Aarau und der DFC Sparta-Zürich gegenüber. Das Resultat fiel mit 15:0 Toren einseitig zugunsten der Gastgeberinnen aus, was natürlich das einheimische Publikum begeisterte.

Vorstoss beim SFV

In einem Brief an den SFV erkundigten sich Monika und Silvia Stahel 1965 nach der Zukunft des Frauenfussballs in der Schweiz. Sie wollten als Mitglied eines Fussballvereins anerkannt werden und offizielle Spiele absolvieren. Nachdem sich die SFV-Verantwortlichen bei Sportärzten und benachbarten Verbänden informiert hatten, fiel die Entscheidung über das gestellte Gesuch negativ aus. Um die Enttäuschung der Fussballerinnen zu dämmen, zeigte sich der SFV kompromissbereit: „Schlussendlich haben wir einen Weg gefunden, um diese jungen Mädchen, welche sich so sehr für Fussball interessieren, doch noch zufrieden zu stellen. Wir bieten ihnen die Möglichkeit sich als Schiedsrichterinnen [„femme-arbitre“] ausbilden zu lassen.“ Obwohl die Aargauerinnen eigentlich selber Fussball spielen wollten, packten sie diese Gelegenheit beim Schopf.

Das Zugeständnis des Verbands war natürlich ein Meilenstein im schweizerischen Frauenfussball und schlug eine erste Bresche in die Männerbastion. Mit der Schiedsrichterinnen-Ausbildung gelang es dem SFV gleich zwei Fliegen auf einen Streich zu schlagen. Während der Verband keine organisiert kickenden Mädchen zulassen wollte, konnte er der weiblichen Fussballbegeisterung auf eine andere Weise entgegen kommen. Gleichzeitig wurde dadurch auch dem allgemeinen Schiedsrichtermanko in eigener Sache Rechnung getragen. Auch die Medien setzten den Mangel an Referees dem fehlenden Personal bei den Verkehrsbetrieben, Post und Polizei gleich. Auch in diesen Bereichen wurden Frauen zugelassen, um die vakanten Posten zu besetzen. Wie heisst es so schön: In der Not frisst der Teufel Fliegen…

Erste Schiedsrichterinnen und „Pfeifendamen“

Der SFV übernahm die Reisekosten und bezahlte auch das Kursgeld der zukünftigen Schiedsrichterinnen. Für den ersten Kurs von mindestens fünf Halbtagen meldeten sich fünf Murgenthalerinnen und noch neun andere Frauen aus Rothrist, Basel, Muhen, Zetzwil, Luzern und Windisch. Der Kursleiter zeigte sich in einem Interview im ‚Brückenbauer‘ befriedigt über die Leistungen seiner Schülerinnen: „Wenn ich im Kurs nach den abgegebenen Erklärungen jeweilen Fragen stelle, so kann ich konstatieren, dass die Damen zu 80% begriffen haben, um was es geht; sie behalten das, was durchgenommen wurde sehr gut im Kopf. Im Lernen sind sie den Männern mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen.“ Unter dem Titel „Mädchen mit Pfiff“ präsentierte eine Wochenzeitschrift alle elf Kandidatinnen, die 1966 anlässlich eines Junioren-C-Turniers in Olten erstmals ein Fussballspiel leiteten. Der Präsident der Schiedsrichter-Kommission stufte die Leistungen der Frauen im schwarzen Nylondress mit weissem Kragen durchaus positiv ein. Seines Erachtens wiesen die angehenden „Pfeifendamen“ aber noch drei Hauptmängel auf: Nebst der „Vergesslichkeit bei der Anwendung der Pfeife“ und den „grossen konditionellen Unterschieden“, verwies der Präsident vor allem auf das „teilweise ungenügende Laufvermögen, das wohl von hohen Absätzen im Alltag herrührt“.

Der legendäre FIFA-Schiedsrichter Rudolf Scheurer zeigte sich 1967 vom ‚FC Goitschel‘ sehr beeindruckt: „Sie arrangieren, wie einst unsere Grossväter in der Steinzeit des Fussballs, ihre Spiele selbst. Ein solches habe ich gesehen und mich ob des ungekünstelten, frischen Spiels gefreut.“ Auch beim ‚Brückenbauer‘ schienen die Pionierinnen einen bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben: „Auf jeden Fall sind die sechs Mädchen in Murgenthal vom Fussballsport dermassen begeistert, wie ich es bei Männern und Buben noch nie gesehen habe.“


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